Über die Kindererziehung – Teil 1: Ode an die Musse

Bemalte Steine im Gras

Ein Wort vorneweg

Keine zwei Kinder sind gleich. Sie unterscheiden sich nicht nur durch Alter und Geschlecht, sondern auch durch ihre Persönlichkeitszüge und Mischung an Begabungen, Neigungen und Interessen. Darüber hinaus gibt es kranke Kinder, behinderte Kinder, hochbegabte Kinder etc., etc.

Angesichts dieser unüberschaubaren Vielfalt stellt sich zurecht die Frage: Welche Qualifikation habe ich, um mich über Fragen der Kindererziehung auszulassen? Schliesslich habe ich keine Erziehungswissenschaften studiert und bin nicht in einem pädagogisch oder familientherapeutisch orientierten Beruf tätig.

Genau genommen kann ich mich nur zu meiner eigenen Realität äussern: Ich bin Papa von Zwillingsmädchen. Um an deren Entwicklung möglichst hautnah teilzuhaben, habe ich nach der Geburt mein Arbeitspensum reduziert und wurde Teilzeithausmann. Was ich also anbieten kann, ist mein persönlicher Erfahrungsbericht. Meine Beobachtungen und gewonnenen Einsichten lassen sich nicht verallgemeinern. Sie sollen aber Denkanstösse liefern und zur Meinungsvielfalt beitragen.

Ich habe keine Absicht belehrend aufzutreten. Es gibt keinen 100 % richtigen und keinen 100 % falschen Erziehungsstil. Das Kindswohl vorausgesetzt, sollen Erziehungsberechtigte ihre Kinder autonom und gemäss ihren eigenen Wertvorstellungen grossziehen können.

Ode an die Musse

Meine Zwillinge verbrachten ihre ersten 5½ Lebensjahre zur Hauptsache im Kreise der Familie und mit Spielen – zu Hause, auf dem Spielplatz oder in der Kinderkrippe. Mit dem Eintritt in den Kindergarten erhielten die Zwillinge erstmals überhaupt einen Stundenplan. In den darauf folgenden Wochen erfuhr ich, dass nicht wenige ihrer Klassenkameraden in der Freizeit zusätzlich Musikstunden, Sporttrainings, Tanzkurse u. Ä. besuchten. Meiner Frau und mir stellte sich eine grundsätzliche Frage: Fördern wir unsere Kinder zu wenig?

Was ist Musse und wie entsteht Kreativität?

Musse ist die Nutzung frei verfügbarer Zeit um zu tun, was gerade Lust bereitet. Musse setzt nicht nur Achtsamkeit voraus, sondern auch die Bereitschaft, sich vom Moment und der eigenen Befindlichkeit treiben zu lassen. Musse entsteht durch innere Ruhe und Gelassenheit und ist somit Anti-Stress.

Freies Spielen ist Musse – oder Müssiggang. Ist der Tag nicht verplant und werden Kinder nicht von Termin zu Termin gehetzt – von der Chorprobe zum Ballett und von der Flötenstunde zum Karatetraining -, dann entstehen Freizeit und Freiräume. Hier mag sich zunächst Langeweile breit machen, aber Langeweile ist der Motor der Kreativität und der Phantasie! Wie oft habe ich gehört „Papa, uns ist laangweilig!“ und dann erlebt, wie die Zwillinge spontan grossartige Ideen entwickelten und umsetzten, z.B. Basteleien, Rollenspiele oder Theaterstücke. Dabei hatten sie Spass und konnten sich entfalten.

Die Überwindung des Förderwahns

Wir leben in einer leistungsorientierten Gesellschaft, und Hochqualifizierte ergattern die besten Jobs. Im Wissen darum grassiert unter Müttern und Vätern allzu oft die Angst, dass das eigene Kind in seiner Ausbildung zurückbleiben und den Anschluss verlieren könnte. Folglich soll keine Chance ungenutzt bleiben, das Kind optimal zu fördern und auf die Berufswelt vorzubereiten. Nichts wird dem Zufall überlassen. Training und Drill haben aber mit Musse nichts zu tun.

Weniger ist mehr

Heute sind meine Zwillinge 6½ Jahre alt und besuchen die erste Schulklasse. Die einzige regelmässige, ausserschulische Aktivität ist ein Schwimmkurs ein Mal pro Woche (allerdings auch nur während ein paar Monaten im Jahr). Die meiste Zeit ist weiterhin unverplant – und das ist gut so. Ein entschleunigter Alltag kommt auch meiner Frau und mir entgegen. Wie ich an anderer Stelle bereits ausführte: „Weniger ist mehr“. Die Ruhe überträgt sich auf uns alle.

Ob alleine, zusammen mit anderen Kindern oder mit uns Eltern: Meine Zwillinge sollen in erster Linie frei und je nach Lust und Laune spielen können. Ich bin überzeugt, dass erst in diesem Rahmen jene grundlegenden Selbst- und Sachkompetenzen reifen, welche zur Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit notwendig sind.

(Demnächst: Über die Kindererziehung – Teil 2: Das Hohelied der Routine)

Verfasst von

Zwillingsvater. Zwillinge (*2010). Twitterer and Blogger.

4 Kommentare zu „Über die Kindererziehung – Teil 1: Ode an die Musse

  1. Hallo… Schön, dass dies in Worte gefasst wurde . Ich sehe das genauso. Bei uns beginnt es ja schon im Babyalter, wo von diversen Babykursen die Rede ist. Babys sollen Gymnastik machen etc. Als ob Babys sich nicht von allein entwickeln.
    Das intrinsische Lernen wird völlig zerstört, werden wir nur von außen bestimmt und geleitet. Und ja, Langeweile fördert Kreativität. Lasst unsere Kinder mehr Langeweile haben!

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  2. …genau diese Einstellung haben wir auch und deswegen bin ich auch ein Jesper Juul Fanboy. Langeweile ist ein sehr unterschätzen Gut. Heute unterliegen viele Eltern dem Irrglauben, dass jedes ihrer Kinder hochbegabt ist und wenn es Probleme hat wird eben flott mal von einem beliebigen Kinderarzt, nach nicht-klinischrn Methoden, AHDS diagnostiziert. Egal was, aber Hauptsache kein Durchschnitt.

    Wir sollten alle einen Gang runterschalten und akzeptierten, dass der Durchschnitt vollkommen in Ordnung ist. Langeweile gehört ebenso zur Kindheit wie das Kuscheln und kann jede Menge Kreativität hervorbringen.

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      1. Das Blog sollte eigentlich schon funktionieren. Habe jetzt mal eine Weiterleitung von WordPress eingerichtet. Ich benutze eine etwas andere Technik dahinter. Das beißt sich ab und an etwas mit dem WP Account.

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