Über die Kindererziehung – Teil 2: Das Hohelied der Routine

Zwei schalenlose Kastanien

(Bisher: Über die Kindererziehung – Teil 1: Ode an die Musse)

Das Hohelied der Routine

Öd, spiessig, langweilig – Routinen sind negativ konnotiert. Wir verbinden Routinen mit drögen Abläufen und stumpfsinniger Repetition. Wann wir aufstehen, welchen Weg wir zur Arbeit fahren oder an welchen Tagen wir den Müll raustragen: Routinen bestimmen unseren Alltag. Kein Wunder träumen alle von Ferien im Anderswo. In der Ferne wollen wir wieder aufleben. Und uns frei fühlen.

Die Sache mit der Praktikabilität

Als Jungeltern waren meine Frau und ich nach der Geburt der Zwillinge an mehreren Fronten gleichzeitig gefordert: vom Wickeln und Füttern der Kinder bis hin zum Führen des Haushalts. Wir hatten alle Hände voll zu tun. Zeit wurde zur Mangelware, und es war pragmatisch, ja überlebensnotwendig, eine Arbeitsteilung vorzunehmen und die sich täglich wiederholenden, immer gleichen Aufgaben zu automatisieren und zügig – sozusagen routinemässig! – abzutragen. Nur so schufen wir uns Freiräume, um Familie zu sein und mit unseren Mädchen zu spielen, knuddeln und kuscheln. Routinen waren zwar eintönig, aber sie nahmen insgesamt wenig Zeit in Anspruch. Deshalb vernichteten sie keine Freiräume, sondern machten diese erst möglich. Es wäre ein Irrsinn gewesen, hätten meine Frau und ich keine Routinen entwickelt und hätten wir uns jeden Tag neu erfinden, absprechen und organisieren müssen. Ohne Routinen hätten wir die Elternzeit kaum in gleichem Ausmass geniessen können.

Die Sache mit kindlichen Bedürfnissen

Der Mensch hat angeborene Grundbedürfnisse: Neben dem Bedürfnis nach Gesundheit gibt es auch die Bedürfnisse nach Bindung, Schutz, und Orientierung. Sowohl Erwachsene als auch Kinder sind angewiesen auf eine vertraute Umgebung und auf konstante und verlässliche Bezugspersonen, aber eben auch auf eine Regelmässigkeit und Vorhersehbarkeit von Abläufen – also auf Routinen! Wenn unsere Zwillinge immer etwa zu gleichen Zeit zu Bett gehen und nach jedem Essen die Zähne putzen müssen; wenn sie mit uns jeweils samstags den Einkauf tätigen und sonntags Opa zu Besuch kommt; wenn sie jeden Tag ihr Kinderzimmer aufzuräumen und die Hausaufgaben zu zeigen haben: dann erfahren sie Bindung, Schutz und Orientierung, schlussendlich auch Sicherheit, Halt und Urvertrauen. Ein sich ständig veränderndes Umfeld mit unbeständigen Leitplanken sorgt hingegen bei Kindern – und deren Eltern – für Unsicherheit und Überreizung.

Selbstverständlich benötigen Kinder weit mehr als Routinen – ich sprach mich beispielsweise bereits für genügend Zeit zum freien Spielen aus – aber Routinen geben Orientierungspunkte und tragen wesentlich dazu bei, dass ein gesundes, kindgerechtes Umfeld entsteht, in dem Kinder gedeihen können. Ein Umfeld, das auch Müttern und Vätern eine (gewisse) Ruhe und Gelassenheit ermöglicht.

(Demnächst: Über die Kindererziehung – Teil 3: Kinder sind keine kleine Erwachsene)

Verfasst von

Zwillingsvater. Zwillinge (*2010). Twitterer and Blogger.

Ein Kommentar zu „Über die Kindererziehung – Teil 2: Das Hohelied der Routine

  1. Du sprichst mir aus der Seele. Routine, immer wiederkehrende Rituale wie das gemeinsame Abendbrot geben unseren Kinder Halt und Orientierung, ebenso wie uns. Dies sollte nicht unterschätzt werden, sondern mit Freude gelebt. Ich freue mich schon auf deinen dritten Teil, ahne ich doch etwas, was da kommt 🙂

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