Über die Kindererziehung – Teil 3: Kinder sind keine kleine Erwachsene

Viele Muscheln

(Zuletzt: Über die Kindererziehung – Teil 2: Das Hohelied der Routine)

Kinder sind keine kleine Erwachsene

„Ausserhalb der kleinen Stadt…stand ein altes Haus, und in dem Haus wohnte Pippi Langstrumpf…Sie hatte keine Mutter und keinen Vater, und eigentlich war das sehr schön, denn so war niemand da, der ihr sagen konnte, dass sie zu Bett gehen sollte, gerade wenn sie mitten im schönsten Spiel war, und niemand, der sie zwingen konnte, Lebertran zu nehmen, wenn sie lieber Bonbons essen wollte.“

So beginnt der vielleicht grösste Klassiker der Kinderliteratur. Mit Pippi Langstrumpf lernen wir ein quirliges, rotzfreches Mädchen kennen. Weil ihre Mutter tot und ihr Vater weit weg auf der Taka-Tuka Insel ist, macht die neunjährige Pippi, was sie will und geniesst die Freiheiten eines Erwachsenen: Sie setzt sich ihre Grenzen selbst. Sie ist niemandem Rechenschaft schuldig, benötigt keine Bestätigung für ihr Tun. Sie entscheidet, was richtig ist und welcher Moral sie folgen möchte.

Seit Generationen ist Pippi Langstrumpf eine Kultfigur. Sie erfreut sich vielleicht deshalb einer derart grossen und anhaltenden Beliebtheit, weil es sie nie gab und auch nie geben wird. Denn: Ein Kind, das sich selbst überlassen wird und sich ohne Eltern selber gross ziehen muss, gedeiht nicht und ist nicht glücklich.

Das Gehirn eines Kindes ist eine Baustelle

Wenngleich sich Kinder körperlich immer schneller entwickeln – Mädchen habe ihre erste Regelblutung immer früher –, die Hirnreifung schreitet seit Jahrzehnten mit gleich bleibendem Tempo fort. Daran haben auch Frühförderungsprogramme nichts geändert. Mag sein, dass ein Kind mit sechs Jahren Geige spielen kann, aber bevor sich eine reife Persönlichkeit entwickelt, hat ein Kind eine Reihe von Entwicklungsaufgaben zu bewältigen: Dazu gehören unter anderen das Aushalten von Frustrationsgefühlen, der Umgang mit Tadel oder der Erwerb von Sozialkompetenz und Urteilsvermögen.

Aus oben Gesagtem geht beispielsweise hervor, dass Kinder…

  1. …keine Entscheide mit Tragweite fällen sollen (zum Beispiel um welche Zeit sie jeden Abend ins Bett gehen möchten).
  2. …nicht regelmässig während längerer Zeit alleine zu Hause gelassen werden sollen, denn Kinder sind kaum in der Lage, sich selbst Regeln zu setzen und auch für deren Einhaltung zu sorgen.
  3. …kein Partnerersatz sind; Kinder können nicht in die Rolle eines abwesenden Lebenspartners schlüpfen und sollen sich nicht verantwortlich für die Erziehung der jüngeren Geschwister fühlen.
  4. …an ernsthaften Diskussionen von Erwachsenen besser nicht teilnehmen.
  5. …Medien mit realitätsnaher, graphischer Berichterstattung (wie die Nachrichten im Fernsehen) höchstens selektiv und von einer erwachsenen Person begleitet konsumieren sollen.

Kein Kind ist erwachsen

Ein Kind wie eine erwachsene Person zu behandeln, bedeutet nicht Förderung, sondern Überforderung. Die Bürde der Verantwortung wiegt zu schwer. Wird ein Kind dazu aufgefordert, wie ein Erwachsener zu handeln, dann erfährt es unwohle Gefühle von Angst und Beklemmung. Dann wird das Kind seines Nestschutzes beraubt und werden wesentliche, später nicht nachholbare Entwicklungsschritte übergangen.

„Früher hatte Pippi mal einen Vater gehabt, den sie schrecklich geliebt hatte. Ja, sie hatte natürlich auch eine Mutter gehabt, aber…sie war gestorben, als Pippi noch ein kleines Ding war, das in der Wiege…so furchtbar schrie, dass es niemand in der Nähe aushalten konnte.“

Kinder haben ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Liebe und Nestschutz. Sie wünschen sich Eltern, auf die sie sich verlassen können und die ihnen eine liebevolle Lernumgebung zur Verfügung stellen. Kinder möchten unbeschwert spielen und innerhalb klar definierter und konstanter Leitplanken ihrer Kreativität und Fantasie freien Lauf lassen. Kinder sollen Fehler machen dürfen. Mit kindlich-naivem Intellekt und einer gehörigen Portion Neugierde sollen sie die Welt entdecken.

Kinder haben ein Recht auf Kindheit. Wird es ihnen gewährt, so haben sie beste Chancen, sich optimal zu entwickeln und den Weg zum Jugendlichen und Erwachsenen mit Bravour zu meistern.

(Demnächst: Über die Kindererziehung – Teil 4: Die Crux mit Zwillingen)

Verfasst von

Zwillingsvater. Zwillinge (*2010). Twitterer and Blogger.

3 Kommentare zu „Über die Kindererziehung – Teil 3: Kinder sind keine kleine Erwachsene

  1. So sehr ich Pippi Langstrumpf selbst liebe, so sehr verstehe ich aber auch sehr gut, was es heißt „mangelnde Eltern“ zu haben und nicht behütet aufzuwachsen. Ich liebe an Pippi wohl eher, wie sie die Welt sieht. Unbeschwert und immer neugierig und stets kreativ…Aber auch bei ihr gibt es Episoden, die verdeutlichen, wie sehr ihr ihre Eltern fehlen. Und ja…Wir sind dazu da,unseren Kindern einen Rahmen zu bieten, in dem sie die Möglichkeit haben, sich adäquat zu entwickeln. Sie brauchen unsere Liebe, unsere Grenzen zur Orientierung und zum Festhalten. Verantwortung im Großen haben wir zu übernehmen und sie nur im kleinen ihrem Alter gerecht. Oft wird das schon bei Kleinigkeiten vergessen, wenn von einem Dreijährigen verlangt wird, eine Stunde ruhig mit am Tisch zu sitzen etc . Danke auch für deine Auflistung hinsichtlich der Bedürfnisse, aber auch der Entwicklungsschritte unserer Kinder. Vielleicht hilft es einigen Eltern, gibt ihnen eine Anregung, um das ganze mit Kinderaugen zu sehen. Und vor allem für ein Verständnis, was Kinder brauchen – von uns,ihren Eltern.

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    1. Ich danke Dir für Deinen Kommentar! Es freut mich, dass mein Beitrag bei Dir Anklang findet und dass wir unsere Rolle als Mutter bzw. Vater so ähnlich verstehen.
      Ich bin hoffnungsvoll, dass wir mit unseren Blogs und mit dem Vorleben unserer Realität noch andere Eltern für unsere Sache gewinnen können.

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  2. Hi! Am Besten gefällt mir der Satz: Kinder haben ein Recht auf Kindheit. Die Dimension der kindlichen Phantasie ist für uns Erwachsene manchmal schwer vorstellbar. Doch in gewisser Hinsicht können uns die Kinder in diesem Bereich Vorbild sein. Sie sind unvoreingenommen, offen für Neues und erleben phantastische Geschichten. „Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder…!“ Dieses Recht auf Kindheit ist ein universales zu schützendes Recht für jedes Kind dieser Erde..Toller Beitrag Lg Oliver

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